5 Fragen an ... Professorin Kerstin Hof

Kerstin Hof ist Professorin an der Medical School Hamburg für Kunst und Gesellschaft und unter anderem Autorin, Supervisorin, Coaching- und Unternehmensberaterin, um nur ein paar Ihrer Expertisen zu nennen. Mit ihrem Wissen begleitet sie seit über 30 Jahren Autor*innen in ihren Schreibprozessen. In diesem Kontext war natürlich klar, dass wir sie dazu gerne hier im Podcast interviewen wollen. In der Folge 62 führt Kerstin uns also in die Theorie und Praxis der Schreibspirale ein – ein Konzept, wie Schreibprozesse ablaufen können und wir uns den Überblick darüber zunutze machen können.


Wie bist du zur Liebe zum Wort und zur Poesie gekommen und wie kam es, dass du es im Studium erforscht hast?


Kerstin: Wie so oft schon sehr früh, als kleines Kind mit einer großen Liebe zum Lesen, die geweckt worden ist durch meine Mutter, die mir schon in Kindergartenjahren ein Buchabonnement hat zukommen lassen. Also meine Eltern insgesamt, aber meine Mutter hat es glaube ich initiiert und ausgesucht, weil sie es wichtig und wertvoll fand und da auch genau die richtige von 5 Kindern erreicht hat. Das hat sie offenbar gut gesehen. Das war eine Bücherei, wo es jeden Monat ein Buch gab – was ich geliebt habe und das habe ich bis weit übers Studium aufgehoben und als ich sie weggeben habe, habe ich sie dann später nach vielen Jahren nochmal nachrecherchiert diese Reihe. Die gibt es schon gar nicht mehr natürlich, aber da gibt‘s schon wirklich eine frühe Verbindung.

Dann ein Vater, den ich als „wortgewaltig“ mal beschreiben würde, was sehr herausfordernd gewesen ist und mich auch herausgefordert hat in meiner Sprache, in meiner sozusagen Behauptung gegenüber dieser Sprachkraft des Vaters.


Und dann eben ein starkes Interesse auch über Musik und Liedtexte, die zu verstehen, das war im jugendlichen Alter besonders gut.

Und dann hab ich relativ früh, so ein schönes leeres Büchlein angefangen und ganz großspurig draufgeschrieben: „Aus Liebe zur Wahrheit“ Weil ich eben Philosophie hatte, dann in meiner Schulzeit, ich war in einem künstlerischen Mädchenstift und da gab‘s dann in der Mittelstufe Philosophie und ich war entschlossen Philosophie und Kunst zu studieren, weil ich mir das eben, diese geistige Welt selber denken, über die Welt nachdenken und das schreibend, eröffnet hat.

Das ist so die erste Erinnerung und das Büchlein ist nie vollgeschrieben gewesen, weil ich viel zu groß, viel zu viel vorhatte und bin darunter eigentlich in die Knie gegangen, muss ich mal sagen.


!!!Podcast einbetten!!!


Wie kam es dann dazu, dass du dann doch nicht Philosophie und Kunst studiert hast, sondern Naturwissenschaften, Germanistik und Soziologie?


Kerstin: Ja, eine deutliche Erfahrung des Scheiterns. Also ich bin dann in der 10. Klasse, gibt’s biografische Gründe dafür, im Nachhinein ist mir das natürlich besser einsichtig als in der Situation, bin ich in der 10. Klasse sitzengeblieben, mit einem sehr guten Notendurchschnitt aber auch völlig verwackelt eigentlich in der Zeit und habe dann aus einer solchen Bestürzung heraus, eine erste Depression entwickelt und gewechselt auf ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium. Eine Klasse mit 19 Jungs und 5 Mädchen, ich kam von einem Mädchengymnasium und das war im Grunde der absolute Cut, wollen wir jetzt nicht weiter interpretieren, was ich da gemacht hab.


Und aus Protest dann, was blieb mir, ich wollte Gärtnerin werden, das war eigentlich die einzige Alternative für mich. Habe dann aber es durchsetzen können, dass in dieser Oberstufe ein Literaturkurs eingerichtet wurde, das gab’s da noch nicht und das hat mich doch auch ermutigt, da weiterzugehen und hab dann eben Literaturwissenschaften studiert. Ich hatte erst auch noch erwogen "Audiovisuelle Kommunikation" zu studieren, aber habe dann doch da den Schwerpunkt gesetzt und ja, das hat schon gut gepasst.



Du hast gesagt dort wurde dann ein Literaturkurs eingeführt. Ist das für dich dann die Inspiration gewesen, selber diese Schreibateliers, die du ja über viele Jahre hinweg an unterschiedlichen Orten gegründet und begleitet hast, in die Welt von Menschen zu bringen?


Kerstin: Also das Literaturwissenschaftliche Studium selber gar nicht so sehr. Ich glaube, ich hatte mir eine andere Vorstellung davon gemacht, es ist eben ein wissenschaftliches Studium. Ich hatte Glück, dass ich dort Professorinnen und Professoren hatte, insbesondere der Hans Ulrich Gumbrecht, bei dem ich dann auch meinen Abschluss gemacht habe, das war ein sehr, sehr leidenschaftlicher Lehrer und eben auch Begleiter gewesen. Sodass da immer auch die Möglichkeit war, sich da mit Begeisterung zu verbinden.

Denn ich hatte da am Anfang schon eine große Krise, wozu studiere ich Literaturwissenschaften. Wer braucht, ja wer braucht eine Literaturwissenschaftlerin? Das war dann zum Glück, im Übergang zum Hauptstudium die Begegnung mit diesem Lehrer insbesondere.

Und was ich dann während des Studiums auch gefunden habe und das ist eigentlich das, wo es dann zu dieser Entwicklung gekommen ist, ich habe eine Schreibwerkstatt mitgemacht. Die war damals in den 80er Jahren, muss ich ja sagen, das war eine Schreibwerkstatt für Frauen, die eingerichtet wurde von Hochschulmitarbeiterinnen. Eine Hochschulmitarbeiterin war dabei und eine Poesie- und Bibliotherapeutin. Da wusste ich damals gar nicht, was das ist und hatte mir da auch noch gar nichts bei gedacht, diese Frau wurde dann später meine erste Therapeutin, und auch da wusste ich noch gar nicht, dass mich das mal so selber beschäftigen würde. Ja, dieses selber schreiben und sich ausdrücken können, auch etwas verarbeiten können, dabei aber auch Freude an der Sprachgestaltung, das hat sich in diesen Schreibwerkstätten gezeigt und das habe ich gesucht und das Studium bietet das gar nicht.


Das ist ein anderes Studium, mittlerweile gibt es solche Studiengänge wie Kreatives Schreiben, das gab’s damals alles gar nicht. Das ist so eine Parallelspur eigentlich, dieses Wissenschaftliche war so das und dann eben dieses Kreative und dann kam ja noch das Journalistische und dann später das explizit Künstlerische und dann auch Therapeutische dazu.


[…]


Was ist denn so die häufigste Hürde mit der die Menschen in diese Schreibateliers, ja vielleicht direkt schon damit ankommen oder die auch dort einfach das erste Mal entdecken?


Kerstin: Es ist ein bisschen abhängig von den Menschen, die kommen, also es ist eine ziemliche Range, die ich da über die Jahre begleiten durfte. Ich habe das mal angefangen, alleine über die Feedbacks, die ich gesammelt habe, auszurechnen. Das sind doch mittlerweile weit über 2000, wenn ich also die ganzen Gruppen und Seminare dazurechne.


Und aus sehr unterschiedlichen Kontexten, weil dort ja in meiner jungen Erwachsenenzeit einfach auch einen eigenen beruflichen Weg mir gefunden habe – den gab’s so auch noch nicht, sich damit selbstständig zu machen, mit so einer Mischung aus künstlerisch-poetischen Arbeiten, dann aber auch unterrichtenden Hochschularbeiten und einer pädagogisch-therapeutischen Praxis. Also da habe ich eben eine weite Range von Topmanagern über Menschen, wirklich in heftigen Krisensituationen bis hin zu hochbegabten Kindern – um jetzt einfach mal ein paar Punkte zu stecken. Also da ist es gar nicht so einfach einen

gemeinsamen Nenner zu finden.


Gleichwohl habe ich mir auch ein paar Überschriften oder Motti gegeben, die ich dann auch für die Webseite oder meine Kommunikation verwendet habe, und eins, das für mich immer noch stimmt und da vielleicht auch antworten kann auf deine Frage, ist das Zitat von Brenda Ueland, eine amerikanische Schreiblehrerin, die also schon Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Schreibpraxis in den USA hatte, da auch sehr, sehr viele unterschiedliche Menschen begleitet hat. „Die Lust zu schreiben“ heißt ihr Buch, was mir auch schon vor sehr langer Zeit begegnet ist und sie hat dieses Motto:

„Jeder Mensch ist begabt, jeder Mensch ist originell und jeder Mensch hat etwas Wichtiges zu erzählen.“

Und diese Idee, dass jeder Mensch eine eigene Art von Begabung hat und das meine ich wirklich jeder und jede und das auch jemand was zu sagen hat, ich glaube, das denken viele Leute überhaupt gar nicht. Und das ist eben das, „Was habe ich denn schon zu sagen?“ und dann kommt direkt hinterher „Und wer will das denn schon wissen?“. Wer will das denn hören, wen interessiert das denn? – so, also da, da sind viele Fragen.


Miri: Also könnte man das jetzt vielleicht nicht komplett verallgemeinern, aber größtenteils als die häufigste Hürde bezeichnen?


Kerstin: Ja!


[…]


Miri: Ich glaube mit dem Zitat von Brenda Ueland, hast du mir jetzt meine letzte Frage schon direkt vorweggenommen, die wäre gewesen:


Was würdest du jeder/m dieser angehenden Autor:innen mit auf den Weg geben? Aber ich würde sagen, das trifft‘s vermutlich schon ziemlich gut, oder?


Kerstin: Ja, vielleicht gibt es da noch etwas zu ergänzen, wenn es in die Richtung geschaut ist, also ich finde die Frage: „Was für eine Autorin, was für ein Autor bin ich?“ „Was für eine Schreibende, was für ein Schreiber bin ich?“ Mit welcher Motivation und mit welchem Ziel schreibe ich?

Und dann nicht unbedingt die Frage „Habe ich etwas zu sagen?“, sondern „Was ist DAS, was ich sagen möchte?“ Oder was ist das, was ich erzählen möchte? Oder was sich durch mich erzählen möchte?

Also ich glaube, da sind einige Fragen an sich selbst und mit diesen Fragen zu gehen. Da gibt’s vielleicht auch keine schnelle Antwort drauf oder wahrscheinlich keine schnelle Antwort drauf, aber sich das zu fragen: „Was ist der Grund dafür, dass ich schreibe?“ Eve: Und sich das auch immer wieder zu fragen, stelle ich mir vor. Weil sich das ja auch ändert.


Kerstin: Ja genau. Das kann sich auch wirklich ändern. Das ist ein bewegliches Ziel.


[…]


Miri: Ja, damit sind wir mit den 5 Eingangsfragen durch. Schön, dass du uns so offen und ehrlich geantwortet hast und uns ein bisschen mit in dein Leben genommen hast und dann würde ich mal starten mit dem Thema der Schreibspirale. Das ist ja eine Veranschaulichung, würde ich sagen, zum Schreibprozess oder wie Schreibprozesse ablaufen können.


Ihr könnt euch das in diesem Blog-Beitrag nochmal anschauen. Dort haben wir die Bilder zur Schreibspirale für euch hinterlegt und es sind noch ein paar Informationen für euch dabei.
4 Ansichten0 Kommentare

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen