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5 Fragen an … Sonja Schirmer


Sonja Schirmer ist Autorin und schreibt u.a. Kurzgeschichten, Gedichte und biografische Anekdoten. Momentan arbeitet sie an ihrem erzählenden Sachbuch „Wenn Licht die Finsternis besiegt“ in das viele autobiographische Elemente einfließen.


Wie kam es dazu, dass du dich mit dem Thema autobiografisches Schreiben beschäftigt hast?


Es gibt Geschichten, die man in der Familie immer gern wieder erzählt. Als ich vier, fünf Jahre alt war haben wir meine Großeltern besucht. Mein Opa hatte ein Holzbein und ich weiß noch ganz genau, wie ich unter der weißen Damast-Tischdecke verschwunden bin und sein Hosenbein ein wenig gelüftet und mir das angesehen habe. Das war ein ganz warmer Holzton, lebkuchenfarben. Und das ist etwas, das unsere Kinder ja nie wieder erleben werden. Jetzt gibt es tolle Carbon-Prothesen die einen unglaublichen Fortschritt in der Medizin markieren. Als ich meinen Kindern die Geschichte erzählt habe, habe ich gemerkt, dass diese Geschichten aus der Großeltern-Generation komplett verloren gehen, wenn der, der sie erlebt hat, nicht mehr da ist. Dann habe ich angefangen, kleine Anekdoten zu sammeln und innerhalb von drei Jahren zwei Familienlesebücher gemacht. Das hat mich ins biografische Schreiben reingebracht.


Wieso lohnt es sich, sich dem biografischen Schreiben auseinanderzusetzen?

Die Frage ist: Warum will ich autobiografisch schreiben? Das ist ganz stark mit der Frage der Zielgruppe verknüpft. Das war am Anfang bei mir nur meine Kernfamilie. Dann, um die Geschichten für künftige Generationen zu bewahren, damit sie überdauern können. Früher, wenn Menschen ums Lagerfeuer saßen, dann gab es diese ganz lebendige Erzählkultur, durch die Geschichten noch einmal ganz anders von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Das hat sich verändert.


Was muss man beim autobiografischen Schreiben bedenken?


Man sollte sich bewusst machen, wie viel Erfahrung man eigentlich schon mit dem autobiografischen Schreiben hat. Viele von uns führen z.B. Tagebuch. Auch das Schreiben eines Gedichts aufgrund eines aktuellen Erlebnisses oder intensiven Gefühls ist eine Form des autobiografischen Schreibens.


Mehr zu den verschiedenen Formen autobiografischen Schreibens erzählt Sonja im Podcast.


Was sind Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten beim Schreiben von Fiktion und biografischen Texten?


Das autobiografische Schreiben und das kreativ-literarisch-fiktive Schreiben sind unterschiedliche Kreativitätsprozesse und dafür werden unterschiedliche Hirnregionen genutzt. Beim autobiografischen Schreiben ist es wichtig, in den Fluss der Erinnerungen einzutauchen. Jüngere Erinnerungen sind im Hippocampus gespeichert und Erinnerungen die älter als 12 Jahre sind in der Hirnrinde. Erinnerung ist aber eigentlich eine Art neuronales Netzwerk. Wenn ich mir vorher überlegt habe, was meine Zielgruppe ist, was das Thema und der rote Faden, dann ergibt sich ziemlich schnell, welche Themen aus meinem Leben beim autobiografischen Schreiben relevant sind. Es geht nicht darum, alles nacheinander abzuarbeiten, sondern in den Fluss der Erinnerung abzutauchen.

Welchen Tipp würdest du jemandem mitgeben, der in das Thema einsteigen will?

Verabschiede dich davon, chronologisch erzählen zu wollen. Das ist für den Leser häufig langweilig. Besser ist es, die Episoden einfach zu schreiben und nachträglich zu strukturieren. Für mich war es bei meinem erzählenden Sachbuch wichtig, dass ich aus der Gegenwart schreibe, weil die positiv gestaltet ist. Ich habe den Leser an meiner Seite mit in die Vergangenheit genommen.


Auch ein schöner Tipp: Man muss, wenn man über die Vergangenheit schreibt, nicht in der Vergangenheit schreiben. Man kann auch im Präsenz schreiben, dafür gibt es diesen schönen Begriff des historischen Präsenz. Das macht autobiografische Texte gleich viel lebendiger. Was ich auch als Stilmittel sehr gern nutze sind Tempuswechsel. Dadurch reiße ich den Leser an meine Seite und er kann gar nicht anders, als die Szene direkt mit mir mitzuerleben.


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