Adjektive im Roman: gut oder böse?

Sie sind das Salz in der Suppe, doch passt man nicht auf, fällt der Salzstreuer in den Topf und die Suppe wird ungenießbar. Und wer nach dem kulinarischen Vergleich noch nicht die Nase voll hat, kann jetzt ein bisschen mehr zum Thema #Adjektive erfahren.

Mit Stift in der Hand wird hier ein Text nach überflüssigen Adjektiven untersucht.

Was ist ein Adjektiv – einfach erklärt?


Adjektive sind beschreibende Wörter. Sie werden auch Wie-Wörter, Beiwörter oder Eigenschaftswörter genannt. Ihr Einsatz in Texten ist allerdings umstritten.

Ihnen wird nachgesagt, dass sie einen Text schwächen können. Auch bekannte Schriftsteller haben eindeutige Meinungen zu diesem Thema:


Ob Mark Twain:

«Wenn Sie ein Adjektiv sehen, töten Sie es. Vielleicht nicht in jedem Fall. Aber töten Sie die meisten – dann ist der Rest wertvoll. Adjektive schwächen Ihren Text, wenn sie zu dicht stehen. Sie geben Kraft, wenn sie viel Raum zwischen sich haben.» (– Übersetzung Matthias Wiemeyer)

Oder der französische Verleger und Staatspräsident Georges Clemenceau (gest. 1929), in dessen Redaktion folgende Regel galt:


«Wenn Sie ein Adjektiv verwenden wollen, so kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.»

Selbst Voltaire wird ein Zitat zu dem Thema nachgesagt:


«Das Adjektiv ist der Feind des Nomen.»


Was ist das Problem mit Adjektiven in Texten?


Aber Adjektive sind doch beschreibende Wörter, sollten sie das Leseerlebnis nicht bereichern? Den Text anschaulicher machen?

Jein!


Mit den richtigen Adjektiven kann ein Text zu einem Erlebnis werden. Aber gerade mit überflüssigen und zu vielen Exemplaren dieser Wortgruppe leidet der Text – und oftmals auch der Leser. Hier mal zwei Beispiele:


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Oder


Die helle Sonne stand am blauen Himmel und brannte ihm an diesem heißen Sommertag auf den unbedeckten Nacken.

Plattformen wie Schreibszene.ch gehen sogar soweit zu sagen: "Drei Viertel der Adjektive gehören gestrichen - eingesperrt."

Während in den obigen Beispielen wahrscheinlich sogar mehr Adjektive dran glauben müssten, kann man nicht sporadisch von so einer hohen Kürzungsrate ausgehen. Ihr müsst immer wissen, was Ihr mit den Adjektiven erreichen wollt. Was für ein Gefühl, was für ein Bild wollt Ihr eurem Leser vermitteln?

Behaltet dabei im Hinterkopf, möglichst sparsam mit Adjektiven umzugehen.



Ein Tipp: Denkt an die Schreibregel Show don't tell! Wer eine Szenerie mehr beschreibt, aktivere Verben nutzt und wenig Substantivierungen, der verwendet automatisch weniger überflüssige Adjektive.


Schlechter Stil: Welche Beispiele für "böse" Adjektive gibt es?

Teil von Floskeln

  • ​Bodenlose Frechheit

  • höchste Qualität

  • absolute Gewissheit

Doppelt gemoppelt (Pleonasmus)

  • Heißer Sommer

  • Weißer Schimmel

  • Völliger Stillstand

​Unoriginell, eingerostet (besonders häufig in Bewerbungen und generell in der Werbung)

  • ​Schnelles Auto

  • Professionelle Lösungen

  • Große Enttäuschung

Falsche Superlative

  • Grundlegendst

  • Unterschiedlichst

  • Einzigst

Generell zu den Superlativen

Nicht nur, dass zum Teil Steigerungsformen von Adjektiven genutzt werden, die keinen Sinn ergeben, diese Superlative sollten auch sparsam eingesetzt werden. Muss man von einem "höchsten Hochhaus" sprechen? Oder fällt einem hier eine schönere Formulierung ein?


Außerdem sollte man darauf achten, dass man nicht mit Superlativen um sich schmeißt. Denn es wird nur ein besten, höchsten, schönsten Irgendetwas geben.

Guter Stil? Wann darf man Adjektive in sein Buch schreiben?

Schreiben ist ein Handwerk und man muss lernen, mit den Werkzeugen umzugehen. Auch Adjektive gehören in die Werkzeugkiste, aber man muss nicht in jedem Satz mit ihnen arbeiten.


In drei Fällen gibt es kaum Möglichkeiten, auf Adjektive zu verzichten:

Bei Unterscheidungen

Ist das Auto blau oder rot?

Bei Wertungen

Ist der Zauberer schlecht oder hervorragend?

Bei originellen Wortverbindungen

Hier kann man kreativ werden:​ klammerbeutelgepudert, igelnasenniedlich


Zum Mitnehmen


Nehmt Euch eine Normseite aus Eurem Projekt und lest diese aufmerksam durch und streicht jedes Adjektiv an. Bitte nicht sofort löschen! Werdet Euch einfach bewusst, welche Adjektive und wie viele von ihnen ihr nutzt und überdenkt Eure Wahl. Kann man hier etwas plastischer umschreiben? Ist dieses Adjektiv zu schwach? Brauches ich jenes Adjektiv wirklich? Es ist eine gute Übung, um Euren Schreibstil zu festigen und zu verbessern.


Und es gibt noch einen zweiten Teil der Aufgabe. Wenn Ihr seht: "Hier brauche ich ein Adjektiv, aber ich bin mit meiner Wahl nicht ganz zufrieden ..." Dann ist hier die Möglichkeit gekommen, zu einem Wortschöpfer zu werden. Versucht doch einmal originelle, neue Adjektive für Euren Text zu schürfen. Vielleicht klammerbeutelgepudert, igelnasenniedlich oder irgendetwas, was in Euren Roman passt. Viel Erfolg dabei!


Quellen:

https://schreibszene.ch/blog/was-sie-von-mark-twain-ueber-adjektive-lernen-koennen

https://schreibenundleben.com/adjektive-wie-sie-ihren-text-versauen-oder-vergolden/

https://www.deutscher-bericht.de/fachartikel/die-funktion-von-adjektiven-in-einem-text/

https://blog.content.de/2017/12/22/wie-jetzt-adjektive-und-ihre-verwendung/

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