Auktoriales Geschick - "Der dunkle Wald" von Cixin Liu

Langsam aber sicher bewegen sich die Trisolaner auf die Erde zu, um den Planet zu ihrer neuen Heimat zu erklären. Die Menschen wissen das. Leider sind sie dazu verdammt, hilflos zuzusehen, wie es geschieht. Denn die Trisolaner zerstören aus der Ferne sämtliche Möglichkeiten auf wissenschaftlichen Fortschritt und verhindern so, dass die Menschheit ihnen gewachsen sein wird.


Man merkt den technischen Hintergrund des Autors Cixin Liu auf jeder Seite dieses Buches. Neben feinen physikalischen Beschreibungen, die sich genug Zeit nehmen, auch Laien abzuholen und trotzdem spannend bleiben, beherrscht er auch das Schreibhandwerk auf hohem Niveau. Er versteht, die Werkzeuge des Romanautors gezielt einzusetzen.

Der Wechsel von Nähe und Ferne


In mehreren Kapiteln greift er auf den personalen Erzähler zurück. So lernen wir die Figuren kennen, ihre Gedanken und Gefühlswelt und auch die Welt, in der sie sich bewegen. Wir bauen eine Beziehung auf. Das Ganze wird emotional noch unterstützt von einer Reihe unheimlich schöner Bilder und Metaphern, die teilweise eine fast märchenhafte Schönheit haben und trotzdem präzise sind.


Spannend wird es jedoch, als Cixin Liu spontan in den auktorialen – also den allwissenden – Erzähler wechselt. Diese Erzählperspektive hat seit dem Aufschwung des Films viel ihrer Popularität eingebüßt. Die Menschen sind es gewohnt, zu sehen, was passiert – und es nicht nur erzählt zu bekommen (Hier hat sich auch das so bekannte "Show don't tell" entwickelt).


In "Der dunkle Wald" findet er Verwendung im Rahmen einer gewaltigen Krisensituation, die alle Figuren umfasst. Sie wird zuvor in mehreren Kapiteln aufgebaut. Der Leser wird durch die personalen Augen der Charaktere in die Geschichte reingezogen und baut Erwartungen auf. Die Spannung steigt.


Und dann kommt der Höhepunkt.


Cixin Liu hätte den Klimax dieser Situation weiter aus der emotionalen Perspektive beschreiben können. Viele Autorinnen und Autoren hätten das wohl getan. Doch er wählte einen anderen Weg. Er wechselte in den auktorialen Erzähler.


Als argloser Leser ist man plötzlich dazu verdammt, aus der Ferne hilflos zuzusehen, wie die Situationen eine geliebte Figur nach der anderen überrumpelt. Die Szene ist völlig nüchtern geschrieben. Handlung fügt sich an Handlung fügt sich an Handlung; ein Tatsachenbericht. Durch den vorherigen Aufbau jedoch ist die ganze, unerträglich lange Sequenz jedoch eine emotionale Qual.


Hierin zeigt sich eine Wahrheit des Schreibhandwerks: alle Werkzeuge, die man hat, können einen Mehrwert haben. Wenn man weiß, wie man sie einsetzt.

Cixin Liu - Der dunkle Wald