Lies mal, wer da spricht: Die Erzählperspektive

Jeder kennt den Ich-, den personalen und den allwissenden Erzähler. Aber was hat es damit genau auf sich und sind das schon alle Erzählperspektiven, die ein Autor wählen kann? Kleiner Spoiler: Nein!



Wie wir auf eine Geschichte blicken liegt im Ermessen des Autoren. Er oder Sie kann entscheiden, aus welcher Erzählperspektive das Buch verfasst ist. Wir zeigen euch, die Vor- und Nachteile der Perspektiven und geben Euch im Zuge dessen ein paar Tipps. Sowie eine Beispiel-Szene, die wir aus jeder Erzähl-Perspektive einmal zeigen.



Ganz nah dran mit dem Ich-Erzähler

Der Ich-Erzähler bringt eine besondere Nähe. Denn hier wird die Handlung unmittelbar miterlebt.


Tipps zum Schreiben im Ich-Erzähler


1. Diese Form des Schreibens ist ein innerer Monolog, der unzensiert und unsortiert sein kann.

2. Noch mehr Nähe gibt es im Präsens

3. Die Gedanken und Gefühle anderer Figuren sind unbekannt

4. Der Ich-Erzähler kann auch eine Nebenfigur oder ein Beobachter sein, er muss aber die Hauptfigur gut kennen und ihr nahe sein. Wie in dem Beispiel "The Great Gatsby"

Beispiel Ich-Erzähler


Die Hände auf meine Lippen gepresst, spannte ich meinen Körper an, bis meine Muskeln brannten. Scheiße. Solch eine große Angst kannte ich nicht mal vom Fliegen. Der Regen rauschte in meinen Ohren, doch ich hörte die dumpfen Schritte auf dem nassem Waldboden. Und sie kamen immer näher. Ich duckte mich weiter in mein Versteck und hoffte, dass er mich nicht finden würde. Wie hatte ich nur so dumm sein können? Ich spürte einen Ruck, ein scharfer Geruch stach in meine Nase, dann war alles schwarz.

Allwissend mit dem auktorialen Erzähler


Der auktoriale Erzähler kann in jede Figur blicken. Er steht über den Dingen, über der Handlung.


Tipps zum Schreiben im auktorialen Erzähler

1. Der allwissende Erzähler kann vorausdeuten, zurückblicken und den Leser direkt ansprechen.


2. Perspektivwechsel zwischen den Figuren sind üblich. Man sollte jedoch auf sinnvollen Übergänge achten, um den Leser nicht zu verwirren.

3. Der Stil des allwissenden Erzählers ist oft berichtend, was die Spannung bremst. Daher ist „Show, don´t tell“ wichtig.


4. Das Wissen des Erzählers sollte allmählich und spannend preisgegeben werden.

5. Der auktoriale Erzähler ist selbst eine Art Figur und steht zwischen dem Autor und Leser. Er wird zu einem Verbündeten des Lesers. Er kann die Meinung beeinflussen und sogar kurzzeitig in die Irre führen.


6. Es sollte darauf geachtet werden, dass der allwissende Erzähler sympathisch und nicht zu besserwisserisch wirkt, damit der Leser ihm gerne folgt.

Beispiel auktorialer Erzähler


Leonie wusste nicht, dass dieser Tag im Wald ihr letzter sein würde. Obwohl im Radio vor dem entlaufenen Benno Bussard gewarnt wurde, hatte sie einen Spaziergang geplant. Mitten hinein in einen dunklen, dichten Wald. Und das bei strömenden Regen. Sie war schon immer naiv. Etwas schlimmes passiert schließlich nur anderen Leuten, oder? Doch Benno hatte auf so eine Chance nur gewartet.

Der Standard? Personaler Erzähler

Der personale Erzähler lässt den Leser in eine Figur hineinschlüpfen und die Geschichte aus ihrer Sicht erleben.

Tipps zum Schreiben im personalen Erzähler

1. Die Perspektivfigur wird entweder beim Namen oder dem Personalpronomen genannt. Kein „der Mann / der Chef / Herr Peters ...“

2. Leser identifiziert sich über die Perspektivfigur. Es werden Gedanken und Gefühle deutlich

3. Allerdings ist man auf das Wissen und die Wahrnehmung der Perspektivfigur beschränkt.


4. Die Perspektivfigur muss in jeder Szene erscheinen. Falls das nicht möglich ist, ist ein Wechsel der Perspektivfigur möglich. Hier oft von verschiedenen POVs (Point of Views) die Rede. Der Wechsel muss kenntlich gemacht werden, um nicht zu verwirren. Also zum Beispiel kapitelweise.


Beispiel personaler Erzähler

Leonie lief kalter Schweiß den Nacken herunter. Sie presste sich die Hand auf die Lippen, um einen Schrei aufzuhalten. Ihr Herz trommelte im Rhythmus der Regentropfen, die unaufhaltsam auf das Blätterdach fielen. Doch sie konnten das Geräusch seiner Schritte nicht übertönen, die auf sie zukamen. In einem letzten Versuch nicht gesehen zu werden, duckte sie sich tiefer in den Schatten eines Baumes. Da packte er nach ihr. Das letzte, was sie spürte, war der scharfe Geruch seines Aftershaves in ihrer Nase.

Unparteiisch: Der neutrale Erzähler


Der neutrale Erzähler nimmt eine unparteiische Beobachterrolle ein. Am häufigsten taucht dieser Erzähler in Drehbüchern auf. Damit ist es wohl eine der häufigsten Perspektiven, die genutzt werden.


Tipps zum Schreiben im neutralen Erzähler


1. In dieser Perspektive gibt es keine Wertung und kein Einblick in Gefühle und Gedanken. Die Fakten sprechen hier für sich.


2. Wichtiger Teil, um dennoch einen Eindruck der Szenerie zu erleben. "Show don't tell"


3. Auch außerhalb von Drehbüchern sind Dialoge ein wichtiger Teil dieser Erzählperspektive und müssen gut ausgearbeitet sein.


4. Die Gefahr dieser Perspektive ist, dass es außerhalb eines Drehbuchs schnell eintönig und langweilig wirken kann. Daher sind die Punkte 2 und 3 wichtig.

Beispiel neutraler Erzähler


Leonie versteckte sich hinter einem Baum. Sie zitterte. Es regnete schon seit Stunden. Benno kam mit großen Schritten auf sie zu. Moder und Moos blieb an seinen Schuhen hängen. In der Hand hielt er einen großen Ast. Sie duckte sich, doch er packte sie und schlug zu.

Fühl dich angesprochen: Du-Erzähler

Der Du-Erzähler spricht den Leser oder eine Figur direkt an oder gibt eine fiktive Anleitung.


Tipps zum Schreiben im Du-Erzähler


1. Schaffe ein Setting, in dem die Ansprache "Du" sinnvoll erscheint.


2. Dies ist zum Beispiel möglich, wenn die eigentlich Geschichte eine Erzählung in wörtlicher Rede ist. Wie zum Beispiel in Erich Maria Remarques Roman "Der Weg zurück."


3. Denke darüber nach, ob das gesamte Werk in dieser Erzählperspektive verfasst sein soll. In einem Briefroman ist dies zum Beispiel möglich. Jedoch heutzutage nicht mehr üblich.


4. Es gibt auch die Möglichkeit es als Prolog oder Form der Auflockerung zwischen den Kapiteln zu wählen. Eine E-Mail, ein Brief oder eine SMS eignen sich dafür.


5. Eine weitere Möglichkeit wäre die Du-Perspektive, in dem der Leser direkt mit in die Handlung eingeladen wird. Dies gibt es zum einen in Abenteuer-Spielbüchern wie "Wer die Mumie stört" aus der Gänsehaut-Reihe für Kinder.

Oder als erotisches "Sexy Figur X Reader"- Fanfiction-Genre für ältere Leser. Hier sind es meist weibliche, heterosexuelle Leser, die meist auf eine männliche Figur eines speziellen Fandoms zusammenkommt. Dabei geht es oft recht heiß daher.

Beispiel Du-Erzähler

Hallo Leonie,
Hier ist Max. Wo bist du? Ich habe seit Tagen nichts von dir gehört. Otto hat erzählt, du wolltest im Wald spazieren? Wie kannst du das momentan tun? Hast du nicht gehört, dass schonwieder so ein Irrer unterwegs sein soll? Bitte melde dich, wenn du das liest.

Quelle für die Tipps unter anderem: Eileen Rennen bei Instagram bekannt als Texpertin

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