top of page

Schreiballtag und Routinen - Und täglich grüßt das Murmeltier

Man hört es überall von den Autor*innenbubble-Dächern gerufen: Jeder braucht eine Schreibroutine, heißt es. Jeden Tag musst du schreiben. Am besten immer am selben Ort, zur selben Zeit, unter denselben Bedingungen. Nur Beständigkeit schafft Resultate.


Doch stimmt das?


In der ersten Folge unserer sechsten Staffel haben Anne, Miri, Johanna und Eve über ebendieses Thema gesprochen. Dabei ging es um persönliche Erfahrungen, angehäuftes Halbwissen und eine Spur Verzweiflung. Reinhören lohnt sich!

Schreibroutine – brauche ich das wirklich?

gif

Obwohl es in der Einleitung etwas reißerisch formuliert wurde, gilt hier natürlich wie immer: Es gibt keinen magischen Weg, der zu jedem passt.


Jede Autorin, jeder Autor ist anders hat andere Vorlieben, Fähigkeiten, andere Dinge, die sie oder ihn stören, andere Umstände, andere Ziele. Manche lieben Routinen, anderen kräuseln sich allein bei dem Gedanken die Zehnnägel hoch.


Wenn du nach einer Antwort auf die in der Überschrift gestellten Frage suchst: Es gibt keine. Zumindest keine, die wir dir geben können. Das kannst du nur selbst.


Auf jeden Fall ist es ratsam, sich erst einmal mit dem Thema auseinanderzusetzen, ehe man sich auf ein ja oder nein versteift. Eine Routine ist ein Werkzeug, dass du gezielt anwendest, wenn es Sinn ergibst und auch gerne in der Kiste lassen darfst, wenn sie dir grade nicht nützt.


Was ist eine (Schreib)routine überhaupt?


Eine Routine besteht aus mehreren Gewohnheiten. Du weißt bestimmt, was eine Gewohnheit ist. Diese unbewussten Handlungen, die wir ständig durchführen, ohne uns dafür zu entscheiden wir tun es automatisch.


Wie funktioniert sowas?


Das menschliche Gehirn ist von Natur aus super faul. Wenn es merkt, dass du eine Tätigkeit (oder einen Gedanken) immer wieder ausführst, schaltet es irgendwann auf Autopilot. Du kennst das vielleicht vom Autofahren. Irgendwann merkst du, dass du sechzig Kilometer auf der Autobahn zurückgelegt hast, obwohl du mit den Gedanken ganz woanders warst.


Nun stell dir vor, du reihst einige dieser Gewohnheiten aneinander. Vielleicht, wenn du heimkommst. Erst legst du deine Tasche ab, hängst deinen Mantel auf, ziehst dir eine gemütliche Hose aus, haust dich auf die Couch und versackst dort. All das tust du, während du über deinen Tag nachdenkst. Und irgendwann merkst du, dass fünf Stunden vergangen sind und du immer noch auf der Couch sitzt.


Aber was wäre, wenn du diesen Mechanismus zu deinem Vorteil nutzt? Wenn du statt auf die Couch zu fallen automatisch das Geschirr spülst, zu einem Buch greifst oder den Laptop aufklappst, um zu schreiben?


Das ist im Grunde der theoretische Nutzen einer solchen Routine. Sie automatisiert Abläufe für dich, damit du den Kopf frei hast für andere Dinge. Wenn du dich nicht jedes Mal überwinden musst, um dich zum Schreiben hinzusetzen, dann hast du mehr mentale Kapazitäten frei, um deinen Bestseller zu schreiben.


Doch nicht alle sehen das so.


Käfig oder Sicherheitsnetz?


Viele Kritiker*innen der Schreibroutine fürchten, durch sie in ihrer Kreativität


eingeschränkt zu werden. Wer immer dasselbe zur selben Zeit und auf dieselbe Weise tut, schafft am Ende vielleicht auch immer denselben Einheitsbrei, so fürchten sie. Doch so einfach ist es nicht.


Es kommt darauf an, wo man die Routine etabliert.


Natürlich, wenn man Routinen im Schreibprozess entwickelt, kann es dazu führen,

dass man in seiner Geschichte automatisch zu Standardlösungen und Klischees greift. Die meisten von uns wollen das nicht. Deswegen sollte der tatsächliche Akt

des Schreibens frei und kreativ bleiben.


Wenn hier Routinen stattfinden, dann nur als Gerüst.

Sie unterstützen den tatsächlichen Geschichtenbau. Ansonsten weisen schon viele gängige Schreibtipps daraufhin, dass man sich bei der kreativen Arbeit von Routinen frei halten sollte - etwa, in dem man pauschal die ersten zwei Ideen verwirft, die einem reflexartig in den Kopf kommen.


Wenn man Routinen jedoch nicht beim Schreiben selbst verwendet, sondern in den zum Schreiben führenden Abläufen, dann schafft sie eine gute Grundlage dafür, dass man tatsächlich in die Tasten haut.


Was wir jeden Tag tun, wird mit jedem Mal einfacher für uns.


Und wer möchte nicht den Kopf frei haben, um ganz in seine Geschichte einzutauchen? Wenn man vorher erst die Entscheidung treffen muss, zu schreiben, dann den Schreibtisch von Papier befreien, den Laptop suchen, anschließen, das Handy ausschalten muss und dann überlegen muss, wo man in der Geschichte war, ist schon so viel Energie verbraucht, ohne dass man nur ein Wort geschrieben hat.


Aber was wäre, wenn man eine Routine hat, die einen dazu bringt, nach dem Schreiben den Schreibtisch aufzuräumen, den Laptop richtig zu platzieren und sich ein paar Gedanken zum Stand der Geschichte zu notieren?

Schon ist beim nächsten Mal alles bereit.


Wie wird eine Routine gebildet?


Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie man so eine Routine entwickelt. Es gibt Strategien dafür, aber man sollte sich gedulden. Wie lange es dauert, eine neue Gewohnheit im Gehirn zu verankert, variiert von Mensch zu Mensch und von Routine zu Routine. Manche brauchen nur knapp einen Monat, bei anderen dauert es ein halbes Jahr oder länger.

Quelle: https://karrierebibel.de/gewohnheiten-aendern/

Jede Handlung beginnt mit einem Auslöser, auch Trigger genannt.

Das kann alles sein von einer externen Anregung (Handywecker, Timer, die Katze, die nach Futter verlangt) über einen visuellen Hinweis (der klassische Knoten im Taschentuch zum Beispiel) bis hin zu einem Gedanken („Ich sollte…“).


Zündet der Auslöser, schaltet unser Gehirn automatisch auf die Handlung und belohnt uns für die erfolgreiche Ausführung derselben mit einer Ausschüttung von glücklich machenden Botenstoffen. Wir sind motiviert, glücklich, energetisiert. Und wir wollen es wieder tun!


Wird dieser Kreislauf wieder und wieder durchgeführt, wird er irgendwann zu einer Routine.


Du hast hier verschiedene Möglichkeiten, um dir die einzelnen Schritte zunutze zu machen. Dazu kannst du dir folgende Fragen stellen:

  • Welche Gewohnheiten habe ich schon in meinem Leben?

  • Was sind die (potenziellen) Auslöser in meinem Alltag?

  • Was sind die Handlungen, die ich gerne zur Gewohnheit machen (oder mir abgewöhnen) will?

Such dir nun eine Handlung und einen Trigger aus, an den du sie knüpfen kannst. Achte darauf, dass du dich nicht überforderst, aber auch nicht unterforderst.


Und jetzt heißt es: Üben, üben, üben. Je öfter du die Handlung durchführst, desto selbstverständlicher wirst du es tun. Irgendwann denkst du gar nicht mehr darüber nach und dein Gehirn verrichtet die Arbeit ganz von selbst.


Tipps


Quelle: Bild von Tom (https://pixabay.com/de/users/analogicus-8164369/) auf Pixabay

Du kannst mehrere Gewohnheiten aneinander"ketten" und dir so eigene Trigger schaffen.

Wenn du dir ohnehin jeden Morgen als Erstes einen Kaffee kochst, kannst du dir angewöhnen, dich direkt danach mit der Tasse an den Laptop zu setzen. So verknüpfst du den Akt des Schreibens auch mit dem Geruch des Getränks, wodurch dich selbiger irgendwann allein zum Schreiben motiviert.


Gegebenenfalls hilft es dir, die Handlung in Teilhandlungen herunterzubrechen. "Jeden Tag joggen gehen" ist eine komplexe Tätigkeit, die aus mehreren Schritten besteht: Schuhe anziehen, rausgehen, loslaufen, durchhalten, anschließend duschen etc.

Wenn dich das überfordert, kannst du mit dem ersten machbaren Schritt anfangen und ihn zunächst als Gewohnheit etablieren. Du könntest dir zum Beispiel erstmal angewöhnen, immer um 17 Uhr deine Laufschuhe anzuziehen. Wenn du das verinnerlicht hast, gewöhnst du dir den nächsten Schritt an und so weiter.


Eine Schreibroutine muss nicht nur das bloße Schreiben beinhalten. Du kannst auch verschiedene Handlungen einweben, die dir dabei helfen, mental und körperlich in die richtige Stimmung zu kommen.


Beispiele für Elemente einer Schreibroutine:

Handschriftlich „in die Szene reinschreiben“

Musik/Hintergrundgeräusche einschalten

Kaffee kochen

Meditation/Visualisation

Bewegung (Spaziergang, Sporteinheit)

Handy in den Flugzeugmodus schalten

Sich selber die Frage beantworten: Warum will ich schreiben?

Timer setzen und fünf Minuten bei Pinterest nach Inspiration zur Szene suchen

Timer stellen und 25 Minuten durchschreiben

Am Ende restliche Gedankenfäden schriftlich zusammenführen als Anker für die nächste Sitzung

Mögliche Auslöser:

Eine bestimmte Uhrzeit

Das Betreten eines bestimmten Ortes

Schon vorhandene Gewohnheiten (z.B. Zähneputzen)

Visuelle Auslöser (Post-It Notes, Stift und Notizbuch neben der Couch)

Sensuelle Auslöser: Ein bestimmter Song, ein bestimmter Geruch etc.

Jetzt bist du dran


Welche Gewohnheiten hast du schon etabliert oder möchtest du noch etablieren? Besuch uns gerne auf Instagram und teile uns deine Erfahrungen mit. Wir sind sehr gespannt.

bottom of page