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Show don't tell - die goldene Regel?

Regeln sind da, um gebrochen zu werden ... oder so ähnlich.

Aber auch der größte Rebell kann keine Regel wissentlich brechen, wenn er sie nicht kennt. Also wollen wir diese Bildungslücke hier einmal füllen.




Von fast allen gekannt, von vielen geliebt, von manchen verachtet - von einigen beinahe als Mantra herunter gebetet: Als "goldene Regel" des modernen Schreibhandwerks gilt "Show, don't tell" (SdT) - zu deutsch: "Zeigen, nicht erzählen".


Das Ziel dieser Regel: Den Leser in die Geschichte eintauchen lassen. Ihn mit allen fünf Sinnen in die Welt des Buchs ziehen, anstatt ihm nur ein paar Sätze vors Gesicht zu knallen.


Da das ganze etwas kryptisch klingt, folgt ein kurzes Beispiel.


Tell:

Sie war müde.

Show: Langsam fiel es ihr schwer, ein Gähnen zu unterdrücken. Immer wieder fielen ihre Augen zu und selbst die alte Matratze auf dem Boden begann mit jeder Sekunde mehr auszusehen, wie das Himmelbett eines Fünf-Sterne-Hotel.


Gleiche Nachricht, anderer Effekt.

Zumindest in der Theorie ist es genau das, was SdT erreichen will: Der Leser soll vergessen, dass er liest. Stattdessen sollen alle seine Sinne angesprochen werden.

Er soll die Hitze des langsam nieder brennendes Lagerfeuer auf seiner Haut spüren, den Geruch der glühenden Kohlen einatmen und das herbe Fleisch des gerösteten Eichhörnchens schmecken. (Anderes Beispiel, der selbe Effekt)



Wortwahl

Gewisse Worte stehen bei "show don't tell" auf dem Index.


Sie fühlte,

ihm schien,

es kam ihnen vor als ob, ...


Begriffe die auf den ersten Blick nicht schlimm wirken, bei genauerer Betrachtung aber das genaue Gegenteil von dem machen, was wir mit unseren Texten erreichen wollen: Sie entfernen den Leser vom Geschehen.


Sie machen klar, dass dem Charakter Gefühle nur angedichtet und in den geschriebenen Mund gelegt werden.


Ein weiterer Teil von SdT ist, die Worte zu konkretisieren

Anstatt eine hübsche Blume zu sehen, riecht die Protagonistin an einer Orchidee.

Anstatt den Hund zu streicheln, fährt der Schurke mit seinen Fingern durch die kurzen Borsten seiner Bulldogge.

Selbst wenn es nicht im Text steht, gewisse Begriffe haben teils unterbewusste Assoziationen zur Folge.



Zeig Charakter!

Ein nicht unwichtiger, dafür aber komplexerer, Teil dieser Regel ist die Charakteriserung. Natürlich kann man einfach schreiben, dass Holly ein lieber, aufopferungsvoller Mensch ist, der sich oft Sorgen um andere macht. Man kann aber auch beschreiben, wie Holly ihren eigenen Sitzplatz aufgibt, um ihn einer alte Dame anzubieten oder jeden Abend ihre Cousine anruft um zu fragen, wie es mit der neuen Katze läuft.

Gerade im Laufe der Geschichte, wenn die Charaktere wachsen und sich verändern, kann dieses Stilmittel eindrucksvoll sein. Die kleine Protagonistin, die sich am Anfang des Buches bei jedem Unwetter versteckt, läuft plötzlich ohne zu zögern in den Sturm, um ihren Hund zu retten?

Viel wirkungsvoller als einfach zu sagen, sie fühlte sich mutiger als je zuvor!



Wann wende ich SdT an?


Eine gerne angwendete Faustregel:

Der Leser will fühlen, wie dein Charakter friert. Er will die Umgebung in sich aufnehmen, Seite an Seite mit ihm durch die Eislandschaft stapfen und den eisigen Wind wie Nadeln auf der Haut spüren.

(Stapfen. Schon wieder ein schönes Beispiel in dem ein konkretes Wort den Unterschied macht. Natürlich könntest du auch durch den Schnee gehen oder springen, aber denk mal darüber nach, welche anderen Emotionen das hervorruft.)


Aber es interessiert ihn vermutlich herzlich wenig, wie er sich danach zu Hause die Zähne putzt. Da tut's dann auch ein klassisches "tell".

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