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"Show don't tell": Moderne Schreibregel oder alter Hut?

Aktualisiert: Juni 15

Es ist der Tipp, der immer wieder zum Schreiben guter Romane gegeben wird: Zeige, anstatt zu erzählen! In Folge 3 des Podcasts widmen sich Johanna, Amy und Anne der allgegenwärtigen Schreibregel und reden darüber, wann, wie und ob die Regel eigentlich sinnvoll ist.


Doch bevor wir uns dem eigentlichen Thema widmen gibt es noch einen Nachtrag zur letzten Sendung (Folge 2, Von Dinosaurier-Erotika bis Corona-Romance: Das literarische Genre). Denn bei all unseren Ausführungen über Genres und Subgenres haben wir doch glatt vergessen darüber zu sprechen, wie man eigentlich darauf kommt, was man selbst schreibt. Wir sind uns einig: Im Idealfall schreiben wir, was wir lesen. Input erzeugt Output. Zum einen, weil wir das Genre offenbar mögen, sonst würden wir es ja nicht lesen. Zum anderen, weil wir ein Genre besser bedienen können, wenn wir es gut kennen.




Nun aber zum Thema: Show, don’t tell. Die Regel besagt, dass Autoren anstatt zu erzählen (also Behauptungen aufzustellen) bevorzugt zeigen sollten (also ihre Leser die Geschichte spüren lassen). Es scheint die Schreibregel Nummer eins Regel zu sein, aber die Frage die sich uns stellt ist: Wo macht sie Sinn und wo vielleicht auch nicht?


Johanna präsentiert uns ein selbstgeschriebenes Beispiel, das wir auch prompt auseinandernehmen.



Leonie ging ins Bett

Tell


(Obwohl ein besseres Beispiel "Leonie war müde" gewesen wäre.

Danke an dieser Stelle an den Hinweis von Holger Hennig bei Youtube)

Leonie hatte einen langen Tag hinter sich. Ihre Augen tränten als sie herzhaft gähnte Sie musste sich dringend ausruhen. Sie streifte ihre Kleidung ab und schlüpfte in ihren Schlafanzug. Tief atmete sie den frischen Duft des Waschmittels ein und seufzte wohlig. Dann schlüpfte sie unter ihre Decke, drehte sich, bis sie sich fast wie eine Brezel verknotet hatte und schloss die Augen. Mit einem Lächeln in den Mundwinkeln schlief sie ein.

Show


Es gibt Diskussionsbedarf. Offenbar verlängert „show“ den Text im Vergleich zum „tell“ erheblich. Der Vorteil am „tell“ ist also klar: Lesende erhalten schnell und direkt Informationen. Beim „show“ hingegen können sie richtig schön mitfühlen.


Amy berichtet vom Fund einer Liste mit „bösen Worten“, die u.a. „fühlen“ und „scheinen“ enthält, was Johanna direkt in Richtung der nächsten Schreibregel „aktives Schreiben“ führt und von da aus wird es kurz sehr theoretisch: Die Begriffe Zeitstraffung und -dehnung, Parataxe und Hypotaxe fallen – doch damit halten wir uns nicht lange auf. Die Erklärung könnt ihr in der Folge noch einmal Nachhören.


Stattdessen kommen wir zu den Ursprüngen der Schreibregel. Obwohl viele Quellen Parallelen zum Film betonen, ist die Regel schon deutlich älter. Johanna und Anne sind bei ihren Recherchen auf den Spanier Marcus Fabius Quintilianus gestoßen, der die Regel schon im 1. Jh in seinem Rhetorik-Handbuch „Die Ausbildung des Redners“ beschreibt. Er spricht von der "Evidentia", die als Taktik im Gericht angewandt werden soll. Hier geht es vor allem darum, die Tat eines Verbrechers in allen Einzelheiten zu beschreiben und nicht nur die Fakten aufzuzeigen. Somit scheint "Show don't tell" deutlich älter zu sein, als der moderne Anglizismus andeutet.


Zuletzt gibt es noch einige konkrete Hinweise zur Umsetzung der Regel von Anne: Szenisches Schreiben, Dialoge oder das Ansprechen aller Sinne können Autoren helfen mehr zu „showen“ als zu „tellen“.


In der Kategorie „Was liest du?“ stellt Johanna „Banshee Livie“ von Miriam Rademacher vor, eine Buchreihe über ein bisher unterschätztestes fantastisches Wesen. Perfekt für dunkle Winterabende.

Amy bleibt unterdessen mit „One true queen: Von Sternen gekrönt“ von Jennifer Benkau ihren Königinnen treu.

Anne liest wieder einen Thriller, dieses Mal „Liebes Kind“ von Romy Hausmann und ist besonders von der Erzählperspektive aus Sicht eines Kindes fasziniert.





Zum Abschluss bringt das Wort der Woche dieses Mal Anne mit. Schnurrpfeiferei lautet es, und beschreibt eine Kinderei oder einen verrückten Einfall. Die ganze Erklärung dazu, findet ihr hier.

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